Hat Afrika die Pandemie im Griff? | Afrika | DW | 22.11.2021

2021-11-29 08:29:31 By : Mr. Kevin Zhao

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COVID-19 wütet derzeit in Afrika weit weniger als in Europa. Dennoch bleibt die Situation problematisch: Es besteht dringender Bedarf an Impfstoffen.

Leider gibt es noch zu wenige Impfkampagnen wie hier in Siaya im Westen Kenias, weil es an Impfstoff mangelt

Afrika ist derzeit weit weniger von Neuinfektionen mit COVID-19 betroffen als Europa. Doch die Angst vor neuen Infektionswellen bleibt bestehen, denn nur rund sieben Prozent der 1,3 Milliarden Afrikaner verfügen über einen vollständigen Impfschutz.  

Die Verknappung der Impfdosen trifft den Kontinent hart, die meisten Länder werden – trotz anhaltender Bemühungen um den Aufbau eigener Produktionsstätten – auf absehbare Zeit noch auf Lieferungen aus Übersee angewiesen sein. Doch weil die Neuinfektionen im europäischen Herbst vielerorts wie nie zuvor zunehmen, stehen die Lieferungen nach Afrika auf der Kippe: Deutschland will Impfdosen, die für ärmere Länder gedacht waren, vorerst zurückhalten. „Wir haben sogar einen Teil unserer COVAX-Spenden, also internationalen Spenden mit BioNTech, von Dezember bis Januar und Februar gepusht, um genug Impfstoff für diese Dinger in Deutschland zu haben“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vergangene Woche. 

Diese Entscheidung stößt in afrikanischen Ländern und bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf Unverständnis: „Jeden Tag werden weltweit sechsmal mehr Auffrischimpfungen durchgeführt als Erstimpfungen in einkommensschwachen Ländern. Das ist ein Skandal, der jetzt beendet werden muss. “, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus kürzlich auf einer Pressekonferenz.

Die Entwicklungsorganisation ONE verurteilt diesen Schritt aufs Schärfste und fordert Spahn auf, seine Entscheidung umgehend zurückzuziehen und die Impfdosen wie versprochen an die internationale Impfinitiative COVAX zur Verteilung an afrikanische Länder weiterzugeben. 

„Wenn wir nicht dafür sorgen, dass Menschen auf der ganzen Welt möglichst schnell Zugang zu Impfstoffen haben, wird die Corona-Pandemie verlängert“, sagt Stephan Exo-Kreischer, Direktor von ONE Deutschland, im DW-Interview. Er sieht Spahns Entscheidung als "großen Fehler und ein verheerendes Signal an die Welt bezüglich Deutschlands Verlässlichkeit". Deutschland habe auch mehr Impfstoff gekauft, als benötigt werde, sagte er. 

Auf Nachfrage wies das Bundesgesundheitsministerium darauf hin, dass Deutschland insgesamt 100 Millionen Impfdosen kostenlos zur Verfügung gestellt habe. Die meisten von ihnen werden über COVAX vertrieben. Darüber hinaus zahlt die Regierung 2,2 Milliarden Euro, um die Entwicklung, Herstellung und gerechte Verteilung von Tests und Materialien zu beschleunigen, darunter 1,6 Milliarden Euro für die Covax-Impfstoffinitiative. 

In Sierra Leone wird je nach Impfstoffangebot eine Impfung gegen COVID und Ebola durchgeführt

Denn trotz der geringen Impfrate ist der Trend der Neuinfektionen auf Europas Nachbarkontinent deutlich rückläufig. Nach Angaben der Seuchenkontrollbehörde der Afrikanischen Union, Africa CDC, wurden in Afrika bisher insgesamt 8,5 Millionen Infektionen dokumentiert, von denen mehr als 220.000 tödlich verliefen.

Die Dunkelziffer liegt deutlich höher: „Wir müssen davon ausgehen, dass weniger als 15 Prozent der Fälle auf dem Kontinent gefunden werden. Auch wenn die Zahlen auf dem Papier gering erscheinen, schätzt die WHO die Fallzahlen auf sieben Mal höher.“ “, sagt Exo-Kreiser.

Verantwortlich dafür ist der Mangel an qualitativ hochwertigen Daten. Südafrika beispielsweise weist niedrige Fallzahlen auf, während Infektionen in Tansania nicht systematisch erfasst werden.

"Die gute Bilanz bei der Infektionsrate hängt eigentlich damit zusammen, dass zu wenig getestet und gemeldet wird", sagt Wolfgang Preiser im DW-Interview. Der Virologe leitet das Department of Medical Virology an der Universität Stellenbosch bei Kapstadt in Südafrika. Auch im hauseigenen Labor fehlten anfangs ausreichende Kapazitäten. 

Aber die in Südafrika verzeichneten erhöhten Übersterblichkeitszahlen zeigen: "In Südafrika sind dreimal mehr Menschen an COVID gestorben, als offiziell gemeldet wurden." 

An zu wenigen Orten gehört Testen zum Alltag: Grenzgänger zwischen Südafrika und Simbabwe am Grenzübergang Beitbridge

Die Behandlung anderer Krankheiten werde von der Pandemie betroffen sein, sagte Preiser: "Ich denke, wir werden in den kommenden Jahren erst die Rechnung für die Pandemie vorgelegt haben." Es gibt auch Impfverweigerer, die nicht unbedingt aus den ärmeren Schichten kommen: Es gibt überwiegend besser ausgebildete Weiße, die der Regierung angeblich skeptisch gegenüberstehen. 

Aber grundsätzlich habe das Land ein gutes Impfprogramm und ausreichend Impfstoffe auf Lager, sagte Preiser: „Die größte Herausforderung für Südafrika ist derzeit, es zu impfen. Aber es gibt mehr Impfstoff, als derzeit eingesetzt werden kann – ähnlich wie in den Industrieländern. " Aber in den meisten afrikanischen Ländern fehlen Impfstoffe. In Südafrika sind 2,93 Millionen von 59 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert und 23 Prozent der Menschen sind derzeit geimpft.

Das Lager des Impfstoffherstellers Biovac – bisher war die Ware allerdings hauptsächlich Übersee

Aus dem heruntergekommenen Nachbarland Simbabwe gibt es aktuell gute Nachrichten: Die Pandemie ist im Griff, behauptet zumindest die Regierung. Zuletzt wurden nur wenige Neuinfektionen und Todesfälle gemeldet. 

Das benachbarte Botswana mit seinen 2,3 Millionen Einwohnern steht nicht zuletzt wegen seiner Diamanten wirtschaftlich besser da. Einige Impfdosen konnte die Regierung auch selbst kaufen und startete schnell eine Impfkampagne, als die Dosen im Juni auf dem damaligen Höhepunkt der Corona-Welle eintrafen. 

Mit Erfolg: Nach Angaben der COVID-Task Force haben bisher 56 Prozent der Menschen in Botswana eine Impfung und 29 Prozent eine zweite Impfung erhalten. Innerhalb einer Woche waren 31 von 100.000 Einwohnern zuletzt infiziert. Das Land habe 2.416 Tote gemeldet, heißt es. Es gibt auch keine Impfungen. Experten führen dies auf den guten Glauben in eine stabile Regierung und Gesundheitsversorgung zurück. 

Allerdings sind die Impffortschritte nicht überall so groß: In mehr als 30 afrikanischen Ländern liegt die Quote der Vollgeimpften noch im einstelligen Bereich. Knapp darüber liegt mit 13 Prozent Mauretanien. Der westafrikanische Staat hat bei der Beschaffung von Impfstoffen weniger finanziellen Spielraum als Botswana oder Südafrika. So steht die Regierung in besonders engem Kontakt mit der COVAX-Initiative, Impfstoffherstellern und reicheren Ländern.

„Uns war klar, dass wir einen weiteren harten Lockdown mit seinen sozialen und wirtschaftlichen Folgen nicht aushalten können. Deshalb setzen wir auf die schnelle Impfung“, sagte Gesundheitsminister Sidi Zeraf kürzlich der „Süddeutschen Zeitung“. Die WHO hat Mauretanien wegen seines Engagements bereits als "Champion" bezeichnet - und dennoch ist bisher zu wenig Impfstoff eingegangen.

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